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Sonntag, 2. Oktober 2011

Warum ich die Briten beneide

Meine ersten Erfahrungen mit der Stadt London gehen zurück auf das Jahr 1986. Als damals 16jähriger unternahm ich im Rahmen einer 3 wöchigen Sprachreise in Brighton einen Tagesausflug nach London. Zu meinem Bedauern, sahen wir das meiste nur vom Bus aus. Lediglich an den königlichen Reitställen wurde mal ausgestiegen und später ein Besuch bei Madame Taussauds vollzogen. Mehr blieb mir von dieser fantastischen Stadt leider nicht in Erinnerung, ausser, dass das Wetter gern mal stündlich wechselt...

Als wir losliefen, schien noch die Sonne...

Umso beeindruckter war ich, als ich letzten Monat mit meiner Freundin 4 Tage London geniessen durfte und an meiner geweckten Leidenschaft für diese Stadt möchte ich Euch heute ein klein wenig teilhaben lassen.

In London leben - die Außenbezirke mit eingerechnet - über 8 Mio. Menschen aus aller Welt. Das macht diese Stadt zu einem multikulturellen Schmelztiegel. In Sachen Kultur, Handel, Wirtschaft und Tourismus gehört sie längst zu den wichtigsten Zentren unserer Welt. Auch architektonisch war ich von London sehr angetan. Überall sieht man, wie neue und alte Gebäude im Stadtbild miteinander verschmelzen.

alt und neu verwächst miteinander...


Auch wenn ich leidenschaftlicher Bartender bin, so war ich nicht auf der Jagd nach ausgefallenen Bars und Clubs. Mein persönliches Sightseeing möchte dem Leser an dieser Stelle ersparen und mich dem zentralen Thema dieses Posts widmen, denn ich habe mich verliebt - in die englische Pubkultur!

Pubs erkennt man meist schon von weitem, denn die aufwendigen
alten Holzfassaden sind nicht zu übersehen...


Pub ist die Abkürzung für "public house" - also einem Haus, dass jedem öffentlich zugänglich ist und ist eine Erfindung des Viktorianischen Zeitalters. Die Einrichtung hingegen geht auf die Antike zurück. Die römischen Besatzer errichteten derzeit ein weitläufiges Straßennetz. An Knotenpunkte siedelten sich Gasthäuser für Reisende an.

Hier lässt sich vermuten, dass sich in den oberen Etagen
einmal Zimmer für Reisende befunden haben...

Seinerzeit war es üblich, dass in den Dörfern einer der Bewohner das gesamte Dorf zu sich einlud, dort dann kochte und Getränke ausschenkte. Dadurch entstand der Begriff Public House. Das heutige Interieur verweist immer noch auf das damalige Aussehen der Pubs. Egal in welchen Pubs ich einkehrte, meine Aufmerksamkeit richtete sich immer auf das gemütliche, einladende Holzmobiliar, die Sofas oder Couches, die alten Teppiche, gedimmtes Licht, aufwendig hergestellte alte Rückbuffets und detailverliebtes Interieur.

Ob die Messingfiguren, die Leuchten, die typischen englischen Ledermöbel...

...oder
die geschliffenen (oder "gesmoketen") Muster in den Spiegeln...

... einfach wunderschön!

Die Pubs luden damals zum gemütlichen Beisammensein ein und das hat sich bis heute im Vereinigten Königreich nicht geändert. Damit die Gäste in den Pubs nicht durch neugierig Hereinblickende gestört wurden, gab es anstatt normaler Fensterscheiben smoked-glass-windows, die das Hineinschauen unmöglich machten. Allein diese zum Teil sehr aufwendig verzierten Fenster sind oft eine Augenweide.

erwähntes smoked-glas-window...

In den Pubs hängen meist viele verschiedene Kreidetafeln, auf die mit liebevoller Plakatschrift Angebote und Hinweise gegeben werden. Wie also schon erwähnt, allein vom Interieur war ich überall aufs Neue begeistert. Die Gemütlichkeit nimmt einen sofort gefangen.

Plakatschrift in Perfektion...

Wen wundert es also, dass die Pubs ein essenzieller Bestandteil des sozialen Lebens der Briten (und auch der Iren) sind. Ein Pub ist wie ein ausgelagertes Wohnzimmer. In Großbritannien ist es üblich, sich nach der Arbeit mit den Kollegen auf ein Feierabendbier im Pub zu treffen. Es ist eine Freude, zu beobachten, wie sich verschiedenste Arbeiter und Angestellte (egal, wie sie angezogen sind) täglich im Pub einfinden, um gemeinsam ihren Feierabend zu befeuchten.

ausgelagertes, gemütliches "Wohnzimmer"...

...und das Oberlicht darüber!


Im Pub spielt sich das gesellschaftliche Leben ab: Fußball- und Rugbyspiele werden übertragen, lokaler Gossip wird ausgetauscht und am Wochenende gibt es kleine Liveauftritte lokaler Bands. Getrunken wird meistens Bier. Helles oder herberes Ale, internationale Exportbiere, verschiedene Cider und natürlich auch Guiness. Auch wenn ich gern überall die lokalen Biere probierte, so blieb ich doch tatsächlich irgendwie immer an Cider hängen und auch hier gibt es Unterschiede. Mein Favorit: Strongbow! Einfach nur lecker! Der Brite ist da offensichtlich ebenfalls sehr eigen. Bei einer Bestellung eines Kunden der vor mir stand, kam ich nicht umhin mitzuhören, wie ein "Einheimischer" an einem Tisch in der Nähe der Bar zu diesem sagte: "Bestelle niemals ein Cider, wenn Du doch ein Strongbow trinken willst..."


Da die Pubs bereits ab Mittags geöffnet haben, kann man fast überall auch Speisen bestellen. Traditionell gibt es natürlich Fish'n'Chips aber ich konnte auch fantstisch zubereitete und verdammt lecker duftende Fleischpasteten an Nachbartischen beobachten. Bestellt und bezahlt wird meistens am Tresen direkt nach der Entgegennahme des Pints oder des Half Pints. Bestellt man Essen, bezahlt man es ebenfalls gleich und gibt seine Tischnummer bekannt. Das Essen wird einem dann gebracht.

how to order food...

Ab 22:30 Uhr geben die Wirte die "last order" bekannt, denn ab 23 Uhr gilt in Großbritannien die Sperrstunde, es sei denn, der Wirt hat eine Volllizenz, welche ihm eine ganztätige Öffnung ermöglichen würde. Die Sperrstunde wurde ursprünglich in den Pubs im Jahr 1915 gesetzlich eingeführt. Damit sollte verhindert werden, dass die englischen Rüstungsarbeiter bis tief in die Nacht hinein tranken und am nächsten Tag verkatert in der Fabrik standen. Mit dem Inkrafttreten des Licensing Act am 24. November 2005 wurde die Sperrstunde in England udn Wales abgeschafft. Allerdings beantragten nur wenige hundert Pubs eine nun mögliche ganztägige Öffnungszeit. Über 60.000 hingegen erweiterten ihre Lizenzen auf eine Öffnung bis 1 Uhr morgens.
(Stand: November 2005 - Quelle wikipedia)
(Textteile u.a. von zeitreisen.zeit.de)

Britischer Humor auf der sicheren Seite des Gesetzes:
"if you are lucky enough to look under 21
you will be asked to prove that you are over 18"...

Mein Fazit:

Die britische Feierabendkultur hat mich beeindruckt. Nicht um des wilden Trinkens Willen, sondern vielmehr wegen der Trink"kultur", der Herzlichkeit und der Gemütlichkeit der Pubs, die in Berlin leider verloren gingen und heute ihresgleichen suchen. Früher hiess es in Berlin mal: eene Ecke, zwee Kneipen... Danach sucht man heute vergeblich. Berlins Kneipenkultur ist vom Aussterben bedroht. Grade wenn man in die äußeren Bezirke fährt sieht man es deutlich: wo früher mal eine Eckkneipe war, ist heute ein Versicherungshaus, ein Solarium, ein Nagelstudio, ein Friseur oder eine sonstige gruselige Einrichtung. Aber dazu ein andermal mehr. Die Briten habe ihre Pubs - und darum beneide ich sie...


...vielleicht sollte ick doch 'ne Kneipe uffmachn!?

Euer Jens

2 Kommentare:

  1. Mir geht es ähnlich: Die Briten haben es im Gegensatz zu den Deutschen geschafft, eine richtige Kneipenkultur zu etablieren. Nein, man sollte in einem Pub keine raffinierten Cocktails erwarten. Und nein, auch das Essen ist bis auf fettiges Fingerfood in Pubs nicht gut. Aber dafür die Atmosphäre und die Eingliederung in den (Arbeits-)tag.

    Kneipen sind in Deutschland einfach mit einer negativen konnotiert. Wer an Kneipe denkt, denkt an einsame Tresen, verrauchte Räume und dsa klassische Herrengedeck. Niemand käme auf die Idee, seine Arbeitskollegen nach Feierabend in eine Kneipe einzuladen. In England hingegen ist es total üblich, nach dem Tageswerk mit Kollegen und Freunden in gemütlicher Runde gepflegt eins, zwei Bier zu sich zu nehmen. Ich mag diesen entspannten Umgang sehr...

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  2. Freut mich Tim, dass es Dir da ähnlich geht. Danke für Deinen Kommentar.

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